Warum 90 % der Amateure am falschen Ende trainieren
- Mike Forster

- 28. Mai
- 4 Min. Lesezeit
Und warum ein besserer Golfschwung allein dein Spiel kaum verbessert

Die unbequeme Frage
In Österreich wird viel Golf gespielt. Wenn die Saison läuft, dann läuft sie. Ganz anders als in Neuseeland, wo man bei schlechtem Wetter einfach sagt: „Na gut, dann halt morgen.“ Dort dauert die Saison zwölf Monate. Schnee gehört maximal auf einen Schneemann – nicht auf ein Fairway.
Hier ist das anders. Die Zeit ist begrenzt. Also wird trainiert. Viel. Ehrgeizig. Und meist mit einer klaren Erwartung: Wenn ich regelmäßig trainiere, muss ich doch besser werden.
Und genau hier taucht eine Frage auf, die ich sehr oft höre – manchmal laut ausgesprochen, manchmal nur gedacht:
„Warum trainiere ich so viel – und werde trotzdem nicht besser?“
Man hat Unterricht, investiert Zeit und Geld, lernt Neues, fühlt sich gut betreut …und trotzdem bleibt das Gefühl: Unterm Strich bin ich kaum weiter als vorher.
Viele Golfer trainieren fleißig – aber am falschen Ende.
Manche wechseln dann den Trainer. Das passiert. Ich verstehe das. Interessant ist nur: Diese Reise endet selten beim perfekten Schwung – sondern meist beim nächsten Trainer.
Und über die Jahre habe ich etwas immer wieder beobachtet: Manche Golfer haben nach ihrem ersten Kurs besser gespielt als später – trotz mehr Training.
Die spannende Frage ist nicht ob man trainiert, sondern was und wie.
Was die meisten Golfer tatsächlich trainieren
Die meisten Golfer verbringen den Großteil ihrer Trainingszeit auf der Range.Volle Schwünge. Viele Bälle. Möglichst schnell der Driver.
Warm-up? Optional. Pitching? Später vielleicht. Putting?„Das ist doch nicht so schwer, Mike.“
Wenn ich sehe, wie jemand ohne Aufwärmen direkt zum Driver greift, habe ich manchmal das Bedürfnis, vorsorglich einen Krankenwagen auf Stand-by zu stellen.
Der Driver ist einfach zu verlockend. Er liefert den größten Dopamin-Kick, wenn er funktioniert. Der Ball fliegt weit, gerade, hoch – und wenn dann noch jemand sagt „Wow, guter Schlag“, gibt’s den Dopamin-Doppelschlag gleich dazu.
Man arbeitet an Winkeln, Positionen, Zahlen auf Bildschirmen. Man schwitzt. Man fühlt sich produktiv. So wie im Fitnessstudio.
Und genau hier liegt der Denkfehler: Es fühlt sich nach Fortschritt an – ist aber oft nur Aktivität.
Warum sich das logisch anfühlt (aber nicht ist)
Volle Schläge sind dankbar. Man sieht sofort, ob der Ball weiter und gerader fliegt. Fortschritt ist leicht messbar. Mehr gute Schläge = gute Einheit. Oder?
Dieses Gefühl funktioniert bei Anfängern genauso wie bei Single-Handicap-Spielern. Dopamin und Endorphine unterscheiden nicht nach Spielstärke.
Aber Golf wird nicht besser, nur weil sich Training gut anfühlt.
Die entscheidende Frage bleibt:
Habe ich wirklich etwas verbessert – oder mich nur gut beschäftigt?
Golf fragt am Ende nicht, wie gut sich das Training angefühlt hat –sondern wie viele Schläge tatsächlich gebraucht wurden.
Wo Schläge wirklich verloren gehen
Fast jeder kennt diese Situation: Gute Abschläge. Solide Schläge bis etwa 100 Meter vor das Grün. Das Ego läuft schon im Turn-Modus. Und dann: Chip zu kurz. Pitch zu lang. Drei Putts. Plötzlich verlässt man das Grün und fragt sich ernsthaft, warum man sich dieses Spiel freiwillig antut.
Was von außen leicht aussieht – Chippen, Pitchen, Putten – verlangt unglaublich viel Gefühl und Präzision. Und je besser ein Spieler wird, desto weniger hat Glück mit dem Ergebnis zu tun.
Der Score leidet selten am Schwung – sondern an falschen Prioritäten.
Die Short-Game-Realität
Alle Schläge unter 50 Metern machen mindestens die Hälfte des Scores aus. Und genau dieser Bereich wird am wenigsten trainiert. Warum? Weil er weniger verzeiht.
Ein schlechter langer Schlag kann über den Boden rollen und trotzdem halbwegs brauchbar liegen. Ein schlechter Chip oder Putt ist einfach nur schlecht. Punkt.
Das fühlt sich unangenehm an. Man ist plötzlich „nackt“. Keine Ausreden, keine großen Schwünge, kein Publikum.
Mark Twain nannte Golf einmal „a good walk spoiled“. Im Short Game trifft das besonders gut.
Warum das Schwierige plötzlich schwer wird
Auf der Range haben wir Kontrolle:
wann wir schlagen
wie viele Bälle
ob wir eine Pause machen
ob wir telefonieren oder einen Kaffee holen
Es gibt immer noch einen Ball im Korb, der den schlechten davor vergessen lässt.
Auf dem Platz funktioniert das nicht. Dort entscheidet nicht unser Rhythmus, sondern die Situation. Wer weiter weg ist, schlägt – egal ob wir bereit sind oder noch über den letzten Fehlschlag nachdenken.
Und plötzlich haben wir:
nur einen Ball
keine Wiederholung
keine Ausrede
Genau hier wird Golf unangenehm ehrlich. Fehler werden sichtbar – für uns, und manchmal auch für andere.
Golf ist weniger ein Technikspiel als ein Spiel gegen die eigenen Erwartungen.
Was sinnvolles Training wirklich ausmacht
An dieser Stelle könnte der Eindruck entstehen, dass Training an sich das Problem ist. Das ist es nicht. Ganz im Gegenteil. Training ist wichtig. Technik ist wichtig.
Aber Technik ist der Turbo – nicht das Lenkrad.
Sinnvolles Training bedeutet:
mehr Zweck statt bloßer Beschäftigung
klare Struktur statt zielloser Wiederholungen
Übertrag auf den Platz, nicht nur auf die Range
Akzeptanz der Unvollkommenheit
Ein einfaches Beispiel: Auf der Scorekarte gibt es genau ein Kästchen pro Loch. Keinen Platz für „eigentlich gut gespielt“, „schöner Schwung“ oder „Putt war fast drin“.
Nur eine Zahl.
Gerade für Einsteiger heißt das manchmal, ein Loch nicht zu Ende zu spielen. Das ist völlig in Ordnung. Das Ziel ist nicht Perfektion, sondern mit der Zeit mehr Löcher sauber zu beenden, das Spieltempo zu halten – und bessere Entscheidungen zu treffen.
Dazu gehört auch, keinen zweiten Ball zu droppen, nur weil uns der erste nicht gefallen hat. Manchmal muss man die Medizin nehmen, um besser zu werden – auch wenn sie bitter schmeckt.
Oder wie Willie Nelson es herrlich auf den Punkt brachte:
„This is a par 10 – and yesterday I birdied the sucker.“
Realistische Erwartungen sind kein Rückschritt. Sie sind der Anfang von echtem Fortschritt.
Fazit – Der Blickwinkel entscheidet
All das heißt nicht, dass Technik unwichtig ist. Sie bleibt ein wichtiger Teil des Spiels.
Aber wer Golf durch eine andere Linse betrachtet, setzt automatisch andere Prioritäten –und kommt meist schneller ans Ziel.
Besseres Golf entsteht nicht durch mehr Training – sondern durch die richtigen Prioritäten.




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